Blutpräparate sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Sie dürfen nur auf ärztliche Anordnung abgegeben werden. Die Indikation zur Transfusion ist streng zu stellen. Außer den Laborwerten sind Dauer, Ursache und Schweregrad der Anämie/Thrombozytopenie sowie der klinische Zustand der Patient:innen zu berücksichtigen. Auf die in Ihrer Klinik festgelegten Regelungen zur Transfusion und die Querschnitts-Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten der Bundesärztekammer wird verwiesen.
- Die Organisationsabläufe sind in einer Dienstanweisung des Krankenhauses (Transfusionsordnung) beschrieben
- Vor invasiven und operativen Eingriffen, bei denen nach hauseigenen Daten intra- oder perioperativ eine Transfusion ernsthaft in Betracht kommt, muss im Regelfall ein Blutgruppenbefund des zuständigen Labors mit aktuellem Antikörpersuchtest vorliegen
- Bei positivem Antikörpersuchtest ist die Spezifität der Antikörper vor dem Eingriff zu klären
- Bei Vorliegen von Antikörpern rechtzeitig kompatible Blutprodukte – auch für mögliche Komplikationen – bereitstellen lassen
- Vor Transfusion oder Eingriff mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit von mindestens 10%, definiert durch hauseigene Daten
- Mündliche Aufklärung der Patient:innen durch eine ärztliche Person über die Transfusion, deren Notwendigkeit, Nutzen und Risiken
- Einholung der Einwilligung zum frühestmöglichen Zeitpunkt
- Dokumentation in der Patientenakte, möglichst auf Standardformularen
- Ist eine Aufklärung vor der Anwendung von Blutprodukten nicht möglich (dokumentierter Notfall), sind Patient:innen nachträglich aufzuklären (nachträgliche Sicherungsaufklärung)
- Bei wiederkehrenden Transfusionen Wiederholung der Aufklärung und Einwilligung entsprechend den hauseigenen Vorgaben
Verwendung des aktuellen Anforderungsscheins bzw. des elektronischen Anforderungsmoduls Ihres Blutdepots.
Folgende Angaben sind erforderlich:
- Patientendaten: Name, Vorname, Geburtsdatum, Geschlecht
- Einsender:in mit Telefonnummer für Rückfragen
- Anzahl der benötigten Blutpräparate und Präparate-Art (Erythrozytenkonzentrate (EK), Thrombozytenkonzentrate (TK), therapeutisches Plasma (FFP – fresh frozen plasma; GFP – gefrorenes Frischplasma))
- eventuelle Sonderanforderungen (Bestrahlung, CMV-negativ getestete Präparate)
- Zeitpunkt der Transfusion und deren Dringlichkeit
- Diagnose(n) der Patient:innen
- Indikation für die Transfusion
- Schwangerschaft; durchgeführte RhD-Prophylaxe
- Stammzelltransplantationen
- Datum, Name und Unterschrift der anfordernden ärztlichen Person
Bei Anforderung von EK: Zusätzlich EDTA-Blut für Antikörpersuchtest und Verträglichkeitsprobe bei(m) Patienten abnehmen.
Folgende Angaben sind hierbei zusätzlich zu machen:
- Entnahmedatum und abnehmende Person
- Name der für die Probenidentität verantwortlichen ärztlichen Person
- gegebenenfalls:
- bekannte Antikörper gegen Blutgruppenmerkmale?
- Transfusionen in den letzten drei Monaten?
- RhD-Prophylaxe?
- Therapie mit monoklonalen Antikörpern (z.B. Daratumumab), Immunglobulinen, Beta-Lactam Antibiotika?
- Alle Blutproben (auch im Notfall) vor Entnahme mit Name, Vorname, Geburtsdatum der Patient:innen eindeutig kennzeichnen
- Unmittelbar vor der Gewinnung aktive Identitätskontrolle vornehmen: aktive Nachfrage nach Name, Vorname, Geburtsdatum und Abgleich mit den Röhrchen-Beschriftungen
Gültigkeit von Antikörpersuchtest und Kreuzprobe:
3 Tage (Tag der Blutentnahme + 3 Kalendertage)
CAVE: Die meisten vermeidbaren schweren Transfusionsreaktionen entstehen durch Verwechslungen. Daher ist die Identitätssicherung vor Blutabnahme und vor Transfusion unerlässlich!
- AB0-identische Transfusion, im Ausnahmefall AB0-kompatibel (siehe Tabelle 1). Die Ausnahmen sind zu dokumentieren.
- Das Merkmal RhD sollte berücksichtigt werden.
- Bei Mangel an RhD-neg. EK ist die Übertragung von RhD-pos. EK an RhD-neg. Patient:innen in Einzelfällen nicht zu vermeiden. Die Ausnahmen sind zu dokumentieren. Nach RhD inkompatibler Transfusion ist die/der Patient:in aufzuklären und die jeweilige weiterbehandelnde ärztliche Person zu informieren, 2 – 4 Monate nach Transfusion einen Antikörpersuchtest zu veranlassen.
- Bei Mädchen und gebärfähigen Frauen ist mit Ausnahme von vitaler Indikation die Gabe von RhD-inkompatiblen EK unbedingt zu vermeiden. Nach Möglichkeit sollen sie Rh-Untergruppen (C, c, E, e) und K Antigen-kompatible EK erhalten. Dies wird auch für Patient:innen mit langfristigem Transfusionsbedarf empfohlen.
- Klinisch relevante erythrozytäre Antikörper sind lebenslang zu berücksichtigen (Auswahl von entsprechend Antigen-negativen EK).
- Frage nach gegebenenfalls vorhandenem Unfallhilfe-Pass!
| AB0-Blutgruppe Empfänger:in | AB0-kompatibles EK (=major-kompatibel) | AB0-Blutgruppen-kompatibles Plasma (=minor-kompatibel) |
| A | A oder 0 | A oder AB |
| B | B oder 0 | B oder AB |
| AB | AB, A, B oder 0 | AB |
| 0 | 0 | 0, A, B oder AB |
Thrombozyten besitzen nur schwach ausgeprägte AB0-Antigene
- Falls verfügbar, AB0-identisch transfundieren (AB0-different ist für TK möglich; siehe auch Gebrauchs- und Fachinformation)
- Bei Kindern (Körpergewicht unter 25 kg): Plasma- (=minor) kompatible TK-Transfusion (siehe Tabelle 1)
- RhD soll berücksichtigt werden: Bei Gabe von RhD-positiven TK bei RhD-negativen Mädchen und gebärfähigen Frauen sollte eine RhDProphylaxe mit einem geeigneten Anti-D-Präparat i.v. (z.B. Rhophylac®) durchgeführt werden! (keine i.m.-Injektion, da Blutungsgefahr!)
- Kreuzprobe nicht erforderlich
- Bei nicht ansteigenden Thrombozytenwerten oder fehlender klinischer Blutsstillung: Transfusionsmedizin kontaktieren
- Lagerung bei +22°C +/-2°C unter ständiger Agitation; Transport bei Raumtemperatur; unverzüglich transfundieren
- AB0-identisch, im Ausnahmefall minor-kompatibel (siehe Tabelle 1)
- Kreuzprobe nicht erforderlich
- Gefrorenes Plasma wegen Bruchgefahr vorsichtig transportieren
- Auftauen der Präparate ausschließlich in dafür zugelassenen Geräten
- nach dem Auftauen unverzüglich transfundieren
- Identitätskontrolle durchgeführt?
- Indikation vorhanden?
- Aufklärung und Einwilligung vorhanden?
- Verfallsdatum des Blutprodukts überprüft?
- Visuelle Kontrolle erfolgt:
- Intakter Beutel?
- EK: Keine Koagel? Keine Hämolyse? Keine auffällige Dunkelfärbung?
- TK: Swirling vorhanden? Keine Aggregate?
- Plasma nach Auftauen: Klare Lösung? Keine sichtbaren Ausfällungen?
- Blutgruppe von Präparat und Empfänger:in kompatibel? (siehe Tabelle 1)
- Abgleich Präparate-Nummer mit Präparate-Begleitschein?
Für EK-Transfusion:
- Kreuzprobe noch gültig?
- Vorgeschrieben bei EK, Plasmaaustausch und Granulozyten. Dies gilt auch im Notfall!
- Bei autologem EK auch aus dem Präparat vorgeschrieben!
- Durchführung unmittelbar vor Transfusion direkt am Patientenbett
- Durchführung durch die transfundierende ärztliche Person bzw. unter ihrer direkten Aufsicht (siehe Tabelle 2)
- Schriftliche Dokumentation des Ergebnisses in den Patientenunterlagen
| Blutgruppe Empfänger:in | Reaktion mit Anti-A (blau) | Reaktion mit Anti-B (gelb) |
| Blutgruppe A | ++++ | - |
| Blutgruppe B | - | ++++ |
| Blutgruppe AB | ++++ | ++++ |
| Blutgruppe 0 | - | - |
- Standardtransfusionsbesteck (Filter 170 - 230 μm) für alle Blutpräparate (EK, TK, GFP) – kein Infusionsbesteck!
- Eröffnete („angestochene“) Blutprodukte sind innerhalb von 6 Stunden zu transfundieren
- Keine Beimengung von Infusionslösungen oder Medikamenten (separater Zugang!)
- Einleitung der Transfusion durch die ärztliche Person, anschließend Überwachung durch geeignetes Personal möglich
- Nach Transfusion Beutel mit Restblut und Transfusionsbesteck steril verschließen, 24 Stunden bei +1°C bis +10°C aufbewahren
Dokumentation der Transfusion Patient:innen-bezogen:
- Aufklärung, Einwilligungserklärung
- Anforderung (=Rezept; kann auch zentral archiviert werden)
- Präparate-Begleitschein mit Ergebnis Blutgruppenbestimmung, durchgeführte Untersuchungen (Kreuzprobe, AKS)
- Indikation zur Anwendung
- Ergebnis des AB0-Identitätstests
- Produktbezeichnung
- Chargenbezeichnung (Präparatenummer)
- Datum / Uhrzeit der Anwendung
- Darstellung von anwendungsbezogenen Wirkungen
- Dokumentation von unerwünschten Ereignissen (Datum / Uhrzeit)
Der Verbleib nicht angewendeter Blutprodukte ist zu dokumentieren (Rückgabe an das Depot). Die chargenbezogene Rückverfolgbarkeit muss gewährleistet sein.
Mögliche Symptome:
- Unwohlsein, Schweißausbruch
- Schüttelfrost, Fieber (Temperaturanstieg >1°C)
- Dyspnoe / Tachypnoe, Bronchospasmus
- Hautjucken, Urticaria/“Flush“
- Schwindel, Übelkeit, Erbrechen
- Kopfschmerzen, Rückenschmerzen
- Tachykardie, Blutdruckabfall (>20 mmHg), Kollaps / Schock
- Hämoglobinurie / Anurie, Ikterus
- Purpura / Blutung
- Pulmonale Infiltrate
Vorgehen:
- Transfusion STOPPEN, transfundierende ärztliche Person informieren
- Venösen Zugang offenhalten, ggf. Notfallbehandlung einleiten
- Identität von Präparat und Empfänger:in prüfen, Verwechslung ausschließen, ggf. Verwechslungspartner:in identifizieren
- Formular „Bericht über Transfusionsreaktion“ ausfüllen und zusammen mit EDTA-Blut und Vollblut nach Transfusion sowie den steril verschlossenen Blutpräparaten an das zuständige Labor schicken
- Meldung an die transfusionsbeauftragte Person der Abteilung und an die transfusionsverantwortliche Person Ihrer Einrichtung
Beispiele für typische Transfusionsreaktionen
Febrile Nicht-Hämolytische Transfusionsreaktion (FNHTR)
- Fieber >38°C oder Anstieg um ≥1°C, Frösteln, Kältegefühl, Schüttelfrost während oder innerhalb von 4 Stunden nach Transfusion ohne anderweitige klinische Begründung
Allergische/Anaphylaktische Transfusionsreaktion (ATR)
- Innerhalb von 4 Stunden nach Transfusionsbeginn: Hautausschlag, Juckreiz, Exanthem
- Atemnot, Angio-/Larynxödem, Bronchospasmus, Zyanose
- Tachykardie, RR-Abfall
- Schock, Kreislaufstillstand
Akute Hämolytische Transfusionsreaktion (AHTR)
- Hämolyse, Symptome innerhalb weniger Stunden
- Fieber, Atemnot, Tachykardie, Blutdruckabfall, Unruhe, Angst, Rücken-, Flanken-, Brustschmerzen
- Inadäquater Anstieg oder Abfall des Hb-Wertes >2g/dl nach Transfusion
- Anstieg LDH >50%, Anstieg Bilirubin
- Abfall Haptoglobin im zeitlichen Zusammenhang mit der Transfusion
- DIC, Niereninsuffizienz, Hämoglobinurie
Verzögerte Hämolytische Transfusionsreaktion (DHTR)
- Verzögerte Hämolyse, Symptome nach 1 bis 28 Tagen
- Hämolysezeichen (Anämie, Ikterus, Hämoglobinurie)
- Abfall Hb-Wert und Haptoglobin
- Anstieg LDH >50%, Anstieg Bilirubin
Transfusionsbedingte Bakterielle Infektion (TTBI)
- Fieber >39°C oder Temperaturanstieg um ≥2°C innerhalb von 24 Stunden
- Schüttelfrost, Erbrechen, Diarrhoe
- ausgeprägte Hypotonie und Tachykardie
Transfusionsassoziierte zirkulatorische Volumen-Überladung (TACO)
- Innerhalb von 12 Stunden nach Transfusionsende: akute Atemnot, Lungeninfiltrate, Husten, Dyspnoe, Zyanose
- Kardiale Dekompensation, Tachykardie, RR-Anstieg
- Halsvenenstauung, Kopfschmerz
- BNP bzw. NT-proBNP-Bestimmung: Anstieg NT-proBNP ≥1,5 x Wert vor Transfusion
Transfusionsassoziierte akute Lungeninsuffizienz (TRALI)
- Beginn innerhalb von 6 Stunden nach Transfusionsbeginn: akute Atemnot
- Neu aufgetretenes beidseitiges Lungenödem (radiologisch gesichert)
- Ausschluss einer Hypervolämie (kardial, renal, iatrogen)