Geschrieben am: 04.04.2025
Mitten im malerischen Erzgebirge gelegen, befindet sich die idyllische Kleinstadt Grünhain-Beierfeld mit ihren circa 6.000 Einwohnern. Für Außenstehende mag der Ort am Spiegelwald mit seiner wunderschönen Natur fast schon unscheinbar wirken. Doch weit gefehlt! Hier wird Rotkreuz-Geschichte geschrieben.
Das rote Band zwischen Beierfeld und Lány
Das Sächsische Rot-Kreuz-Museum in Beierfeld verfolgt seit vielen Jahren die Aufgabe, zeitgeschichtliche Entwicklungen des Deutschen Roten Kreuzes anhand von Ausstellungen zu dokumentieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit dem T. G. Masaryk Museum – benannt nach Tomáš Garrigue Masaryk, dem ersten Staatspräsidenten der ehemaligen Tschechoslowakei – im tschechischen Lány. Seit 2014 befinden sich beide Museen in einem ständigen Austausch, um die Geschichte des Roten Kreuzes in den Ländern wechselseitig darzustellen und ein besseres interkulturelles Verständnis zu schaffen.
André Uebe, Leiter des Sächsischen Rot-Kreuz-Museums in Beierfeld, berichtet, dass der Vizepräsident des Deutschen Roten Kreuzes, Dr. Volkmar Schön, vor über zehn Jahren den Kontakt nach Lány vermittelte: „Unser Ziel war es damals, gemeinsame Ausstellungen und Forschungsprojekte im Kontext der deutsch-tschechischen Partnerschaft zu initiieren. Gesagt, getan: seit 2014 organisieren wir jährlich wechselseitige Ausstellungen.“
Die Partnerschaft begann mit der ersten Ausstellung am 05. Februar 2014 in Beierfeld unter dem Motto „Das Tschechisch-Slowakische Rote Kreuz im 1. Weltkrieg“. Nur drei Tage später fand die Eröffnung des deutschen Pendants in Lány statt. Dort wurde den Interessierten die Geschichte des Roten Kreuzes in Deutschland während des Ersten Weltkriegs nähergebracht. Seitdem verfolgen beide Museen das Ziel, den Menschen in Tschechien ein Stück der deutschen Rotkreuz-Geschichte näher zu bringen – und andersherum. Nachfolgend kannst du dir selbst einen Überblick zu den Ausstellungen verschaffen:
Jahr | Ort | Thema der Ausstellung |
---|---|---|
2014 | Beierfeld | Das Tschechisch-Slowakische Rote Kreuz im Ersten Weltkrieg |
2014 | Lány | Das Rote Kreuz Deutschlands im Ersten WK |
2015 | Beierfeld | Die Nachwuchsarbeit des Tschechischen Roten Kreuzes von 1921 bis in die Gegenwart |
2015 | Lány | Das Deutsche Jugendrotkreuz |
2016 | Beierfeld | 50. Todestag der Gründerin des Tschechisch-Slowakischen Roten Kreuzes Alice Masaryková |
2017 | Lány | 150 Jahre Rotes Kreuz in Sachsen |
2018 | Beierfeld | Auf den richtigen Verband kommt es auch an |
2019 | Lány | Unfallprophylaxe "Wer Gehirn hat schützt es" |
2020 | Beierfeld | Das Tschechoslowakische Rote Kreuz und die Historie der Kinderkrankenpflege |
2022 | Lány | "Hüte mich, ich schütze dich" |
2023 | Beierfeld | Die Historie der Blutspende in Tschechien |
2024 | Lány | Die Historie der Blutspende in Deutschland |
2025 | Beierfeld | Von den Idealen zur Propaganda - Die Geschichte des Tschechischen Roten Kreuzes auf historischem Bildmaterial |
Von Schafen und Päpsten: Die Geschichte der Blutspende

Die Ausstellung in Lány, die im November 2024 von den ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen des Sächsischen Rot-Kreuz-Museums vorbereitet wurde, beleuchtet die Geschichte der Blutspende in Deutschland näher. „Alle ausgestellten Exponate stammen zu 100 Prozent aus unserer umfangreichen Objektsammlung, die wir uns über viele Jahre angelegt haben“, erklärt André Uebe und fügt hinzu: „Meine Mitarbeitenden und ich haben in kleinster Detailarbeit die Objekte vorbereitet, zusammengestellt, geschichtliche Hintergründe recherchiert und entsprechende Informationstafeln mit den wichtigsten historischen Begebenheiten geschrieben.“
Tatsächlich reicht die Geschichte der Blutspende in Deutschland bereits viele Jahrhunderte zurück und beginnt nicht erst 1901 mit dem Entdecker der Blutgruppen, Karl Landsteiner. André Uebe erklärt: „Eine der ersten in Europa dokumentierten ‚Blutspenden‘ fand im Jahr 1492 statt, als dem schwer kranken Papst Innozenz VIII. das Blut von drei Jungen oral verabreicht wurde. Das Experiment endete im Fiasko. Der Papst verstarb und auch die drei Burschen verbluteten.“ Solche makabren Vorgänge lassen uns heute fassungslos zurück, waren aber damals traurige Realität.

Eine ebenso sonderbare Geschichte dreht sich um ein Schaf, welches als Modell im T.G. Masaryk Museum zu sehen ist. André Uebe erläutert den Hintergrund: „Tatsächlich wurden die ersten Bluttransfusionen von Tier zu Tier beziehungsweise später von Tier zu Mensch durchgeführt. In unserem nachgebauten Modell ist zu sehen, wie ein Schaf auf dem Tornister – einer Art Versorungsrucksack – transportiert und für mögliche Bluttransfusionen bereitgehalten wurde.“
Jean-Baptiste Denis, einer der Leibärzte des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV., wagte die erste Blutübertragung von Tier zu Mensch. Er transfundierte einem 15-Jährigen das Blut eines Lamms. Wie durch ein Wunder überlebte der Junge die Prozedur. Nach dem ersten Todesfall wurden die Tier-Mensch-Transfusionsversuche jedoch sofort eingestellt. Erst die Entdeckung des AB0-Blutgruppensystems durch Karl Landsteiner ermöglichte es, Blutübertragungen sicher durchzuführen. Für seine wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet erhielt Landsteiner 1930 den Medizin-Nobelpreis.
Der erste Blutspendedienst der Welt
„Soll ich euch vom ersten Blutspendedienst der Welt erzählen?“, fragt André Uebe mit einem Augenzwinkern in unserem Gespräch. Die Chance lassen wir uns natürlich nicht entgehen.
„Vor dem Ersten Weltkrieg gründete der Bibliothekar Percy Lane Oliver, der eigentlich Arzt werden wollte, eine Zweigstelle des britischen Roten Kreuzes“, führt Uebe aus. „Im Oktober 1921 erhielt er einen Anruf aus dem King`s College Hospital, das dringend eine Blutspende benötigte. Mehrere Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter stellten sich spontan zur Verfügung. Eine Teilnehmerin hatte die passende Blutgruppe und wurde somit zur ersten freiwilligen Blutspenderin des Roten Kreuzes.“

Doch die Geschichte geht noch weiter. „Nach diesem Erfolgserlebnis richtete Percy Lane Oliver in seinen eigenen vier Wänden den ersten Blutspendedienst der Welt ein“, berichtet André Uebe. „Er sammelte Gesundheits- und Blutdaten von Freiwilligen und ein Telefon wurde rund um die Uhr besetzt – im ersten Jahr klingelte es jedoch nur neun Mal.“ Fünf Jahre später hatten sich aber bereits 400 Spenderinnen und Spender registriert, die zu über 700 Blutspende-Einsätzen gerufen wurden. Damit wurde der Grundstein für den ersten Blutspendedienst gelegt, der auf der Idee von Gemeinnützigkeit und Freiwilligkeit basierte. Diese Tradition wird bis heute durch das Rote Kreuz fortgesetzt.
Früher und heute: Blutspenden retten Leben
Unser Gespräch mit André Uebe hat gezeigt, dass die Blutspende früher und heute unterschiedlicher kaum sein könnte. Aber dennoch ist die wichtigste Gemeinsamkeit geblieben. Blutspenden retten Leben – und das bereits seit vielen Jahrhunderten. Möchtest auch du ein Teil unserer Lebensretter-Gemeinschaft sein, würden wir uns freuen, dich auf einem Blutspendetermin in deiner Region begrüßen zu dürfen.
Wenn du mehr über die Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes erfahren möchtest, laden wir dich herzlich ein, die Ausstellungen im T. G. Masaryk Museum oder im Sächsischen Rot-Kreuz-Museum Beierfeld zu besuchen.
Übrigens: wenn André Uebe und seine Mitarbeitenden nicht gerade auf der Suche nach neuen historischen Erkenntnissen sind oder Ausstellungen vorbereiten, betreuen sie unsere Spenderinnen und Spender auf den DRK-Blutspendeterminen in Grünhain-Beierfeld und Schwarzenberg. Falls du uns ebenfalls ehrenamtlich unterstützen möchtest oder jemanden kennst, der darauf Lust hätte, kannst du dich für die Bereiche Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und Schleswig-Holstein gern melden. In Baden-Württemberg und Hessen steht unsere Ehrenamtskoordination ebenso für Anfragen zur Verfügung.